-”Und, wie verdienst du so deine Brötchen?”
-”Ich bin an der XYZ-Schule.”
-”Ach, du gehst noch zur Schule?”
Man sieht, wie sich die Gedankenräder beim Gegenüber quälen und bemühen…
-”Ja, ich unterrichte da.”
-”Ah soo… ja ja… Lehrer müsste man sein. Mittags nach Hause kommen und dann andauernd Ferien…”
Wem jetzt fast das Hemd platzt, insbesondere der Kragen, weil sämtliche Adern 10x soviel Blut von A nach B pressen müssen, der ist wahrscheinlich Lehrer. Mir geht es zumindest regelmäßig so. Eine Erklärung wäre nötig. Aber wieso sollte man sich rechtfertigen, gerade, weil eine Rechtfertigung das Gespräch unnötig in die Länge ziehen würde (wer will seinem allwissenden Gegenüber schon seinen eigenen Beruf relativieren und erklären müssen)? Denn die Erklärung kann erst nach ein wenig Zahlenzauber verstanden werden – also nichts, was man jetzt noch seinem Gesprächspartner zutrauen würde…
Die breite Masse geht morgens zu ihrem Job, kommt nachmittags nach Hause, stellt ihre Tasche in die Ecke und ist fertig mit der Arbeit. Idealerweise nimmt sie die Tasche auch erst wieder zwei Tage später (Montag morgens) wieder aus der Ecke, geht zur Arbeit und hatte ein entspanntes Wochenende.
Wie macht es der Lehrer? Er bastelt, bevor er zur Arbeit geht, noch schnell an der anstehenden Mathearbeit, und bereitet sie zum Kopieren in der Schule vor. Am Arbeitsplatz steht er vor einer unmotivierten pubertierenden Masse, bestehend aus 30 Jugendlichen, und muss sämtliche vom Land vorgegebenen Inhalte des Kernlehrplans durchpeitschen. Hat er das geschafft, fährt er (nach diversen Beratungsgesprächen und AGs) nach Hause, nimmt unterwegs seine Ohropax raus, fragt sich unterwegs, warum das Handy einfach nicht aufhört zu klingeln (obwohl der Akku eigentlich leer ist) und betritt die Wohnung.
Dort kommt die Tasche neben den Schreibtisch, wird geöffnet und entleert. “Was mache ich morgen mit den kleinen Teufeln?” – Keine einfache Frage, haben sie einen doch heute schon mit dem Dreizack um den Stuhlkreis gejagt, als man mit zittriger Stimme nach den Hausaufgaben fragte. Zwei Stunden später hat man ein Konzept für den nächsten Tag. Abends um 22h wirft man es über den Haufen, weil nicht mit eingeplant war, dass die Hälfte der Klasse nicht über die nötige kognitive Leistungsfähigkeit verfügt. Auch wenn vereinzelte Schüler schon zwei Mal wiederholen mussten und schon selber mit dem Auto zur Schule kommen – in der achten Klasse.
Zwei weitere Stunden später geht man schlafen, träumt von der Schule und der letzte Tag wiederholt sich.
Frage: Wieviel Freizeit mag der im Alltag Urlaub machende Lehrer wohl den letzten Tag gehabt haben?
Mal kurz nachrechnen…um 7:30h zur Schule, um 15h zu Hause angekommen… 2 Stunden Unterricht vorbereitet – macht 17h. Eine Stunde mit dem Psychiater telefoniert – macht 18h. Vier Stunden Freizeit später ging es mit der abschließenden Planung weiter – und dann um 0:00h ins Bett.
“Vier Stunden geht doch”, mag man sich denken. Das reicht für Essen, Trinken, Stuhlgang. In der Reihenfolge.
“Aber aber! Der URLAUB…(!!!)”
Stimmt… wie war das? 2 Wochen Ostern, 2 Wochen Herbst, 1 Woche Weihnachten, 5 Wochen Sommerurlaub (ja, 5! In der letzten Woche quält man sich zu den täglich stattfindenden Konferenzen zur Schule) + 5/6 Feiertage (runden wir’s auf eine Woche auf) bzw. 1 Woche Feiertage = 11 Wochen. Nicht schlecht. Die 3 Wochen, die ein Arbeitnehmer eines anderen Metiers für sich in Anspruch nehmen darf, ergibt immerhin einen “Mehrurlaub” für Lehrer von 8 Wochen im Jahr. Bitte merken!
Jetzt bitte festhalten: Es wird gerechnet. Schon mal überlegt, dass in der Schule Klassenarbeiten geschrieben werden? Richtig! Da war mal was! Als Schüler lernt man nen Tag vorher, schreibt die Arbeit, bekommt sie zurück, ärgert sich – fertig! Als Lehrer sieht das folgendermaßen aus:
Pro Schuljahr schreibt jede Klasse 6 Arbeiten pro (Haupt-)Fach. In meinem Fall sind beide meiner Fächer Hauptfach und somit mit Klassenarbeiten belegt (ich weiß: wie dumm von mir. Die Intelligenz einer Person zeigt sich in der Wahl ihrer Fächer… Hätte ich mal ausschließlich Nebenfächer studiert) . In der Regel unterrichtet man dann 5 Klassen à 30 Schüler (+/- 1). Pro Korrektur einer Arbeit gilt eine Durchschnittsdauer von 25 Minuten.
Auf geht’s:
6 Arbeiten x 5 Klassen = 30 Arbeiten pro Schuljahr
30 Arbeiten x 30 Schüler = 900 Korrekturen
900 Korrekturen x 25 Minuten = 22500 Minuten
Das sind dann 375 Zeitstunden, die man zusätzlich am Schreibtisch sitzt.
Angenommen, ein durchschnittlicher Arbeitstag hat 8 Stunden – es wären 46,875 Tage (sagen wir 48 Tage, da jede Arbeit vorbereitet werden muss).
Hat eine Arbeitswoche 5 Tage, so entstehen 9,6 zusätzliche Wochen Arbeitszeit.
Wie war das? Ein Lehrer hat 8 Wochen mehr Urlaub als andere? Eher 1,6 Wochen weniger als andere!
Danke.
Warum ich so viel Zeit habe, mir darüber Gedanken zu machen? Ich bin doch schließlich Lehrer…
